Kritik SDL15 – „Von Jung bis Alt fühlten sich alle unterhalten, lachten, fieberten mit … wem das so schnell gelingt, der sollte sich gehörig geehrt fühlen“

Hör mal gut zu!

Schon in seinem Buch Pünktchen und Anton bringt Erich Kästner seine Leser nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken. Ob das der zehnköpfigen Spielgruppe aus Baden-Württemberg auch gelungen ist, lest ihr in den folgenden Zeilen.

 // von Franziska Lucas

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Wie sieht die Bühne aus?

15 Uhr. Alle Zuschauer sitzen auf ihren Plätzen. Auf der Bühne leuchten Strahler aus allen vier Ecken. In der Bühnenmitte steht ein Podest. Am rechten Rand lehnt eine Gitarre im Ständer. Gegenüber, auf der linken Seite, steht ein Polylux (Overhead-Projektor), der auf den Bühnenhintergrund zielt. Dieser Aufbau wirkt auf mich sehr vielversprechend. Vor allem die Gitarre macht mich neugierig und deckt die Beschreibung „mit chorischen Elementen“ aus dem Programmheft. Ich bin gespannt! Während ich noch das Bühnenbild studiere, verändert es sich schon wieder.

Schauspieler kommen schwer bepackt

Die Eröffnung des Stückes gibt schon den Hinweis darauf, wie es insgesamt aufgebaut ist. Die Spielenden tragen Tische auf das Podest, bauen damit ihre Kulisse weiter aus. Währenddessen läuft Musik. Sie holen nacheinander Tische hinter der Bühne hervor, indem sie immer wieder nach hinten eilen. Hinter mir sagt eine Zuschauerin: „Das Wegrennen sieht immer cool aus.“ Von Beginn an spüre ich die unglaubliche Energie und Freude der zehn Darstellenden. Des Stilmittels, die Kulisse zu verändern, bedienen sie sich das gesamte Stück: Musik und Umbau der Kulisse sind eng verbunden. Perfekt verwoben mit dem Inhalt lässt es das 60-minütige Stück kurzweilig wirken.

Alles kann, nichts muss

Dieser Satz schwirrte mir spätestens ab der Hälfte der Aufführung zunehmend präsent im Kopf herum. Ich bekomme dadurch das Gefühl, dass ich ansatzweise die forschende Arbeit der Spielgruppe – und das vermeintliche Ergebnis – greifen kann. Mein Gehirn bildet dieses Gefühl in den Worten ‚Alles kann, nichts muss‘ ab. Wie die Bundesjury treffend festhält, gelingt es der Gruppe während der raschen Szenenwechsel, den „zentralen Fragestellungen nach sozialer (Un-)Gerechtigkeit gut gewichtet ihren Platz neben musikalisch gedachten Stadtatmosphären“ zu geben. Indem die Spielenden von Rolle zu Rolle springen und durchaus überspitzt, auch mit Hilfe des wohlklingenden Dialekts, spielen, wird mir ein Forschungspunkt von der lang andauernden Vorarbeit der Baden-Württemberger besonders deutlich: Wer reich ist, kann arm dran sein, und wer arm ist, kann auch reich sein. Aber die Gruppe gibt am Ende ihrer Aufführung eines ganz klar zu verstehen und spannt damit den Bogen zum Anfang:

Im Sinne Kästners

Genau wie die Gruppe es zu Beginn aufgriff, so sagte Erich Kästner: „Wenn ein kleiner Junge ein Stück Holz unterm Ofen hervorholt und zu dem Holz ‚Hü!‘ sagt, dann ist es ein Pferd, ein richtiges lebendiges Pferd. Und wenn der große Bruder kopfschüttelnd das Holz betrachtet und zu dem kleinen Jungen sagt ‚Das ist ja gar kein Pferd, sondern du bist ein Esel‘, so ändert das nicht das Geringste daran. Und mit meiner Zeitungsnotiz war es ähnlich. Die anderen Leute dachten: Naja, das ist eben eine Notiz von zwanzig Zeilen. Ich aber murmelte ‚Hokuspokus!‘, und da war‘s ein Buch.“ In diesem Sinne: ALLES IST MÖGLICH!

Nachdenken erwünscht

Was mich, in den vorderen Reihen des Parketts, besonders gefreut hat, ist die Publikumsreaktion. Von Jung bis Alt fühlten sich alle unterhalten, lachten, fieberten mit oder waren bedrückt. An dieser Stelle kann ich sagen: Wem das so schnell gelingt, der sollte sich gehörig geehrt fühlen, liebe Pünktchens und Antons!

Quelle: Franziska Lucas, „Hör mal gut zu!“, in: Offizielle Festivalzeitung des SDL2015 – #forschfuffzn (2. Ausgabe), Hrsg. von Sächsisches Staatsministerium für Kultus (SMK), Dresden, 2015, S.19.

Publizierung der Fotoimpressionen vom SDL15 hier auf dem Blog mit freundlicher Genehmigung vom Schultheater der Länder 2015; Fotograf: Christof Heinz.

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